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Damit sie alle eins seien In seinem Hohepriesterlichen Gebet im 17. Kapitel des Johannes-Evangeliums bittet Jesus seinen Vater, er möge die Jünger „in seinem Namen“ erhalten. Darin soll der Name Gottes, den der Vater dem Sohn gegeben hat, zu ewiger Wirkung kommen: Wie das ICH dieses Namens Vater und Sohn vereint, so sollen die Jünger Jesu als die Seinen an dieser Einheit teilhaben und darin untereinander eines sein. Diese Fürbitte Jesu für seine zurückbleibenden Jünger weitet sich auf alle weiteren Generationen der nachösterlichen Kirche aus. Nicht nur für seine vorösterlichen Jünger gilt das Ziel, dass sie alle eins werden (v.11b), sondern zugleich für die ganze nachösterliche Christenheit (v. 21). Die Einheit der Kirche gründet in der Teilhabe aller Glaubenden an der vollendeten Einheit zwischen Vater und Sohn. Deswegen entspricht auch die Art, diese Einheit untereinander zu leben, der besonderen Art, in der Vater und Sohn wechselseitig »in-einander« leben. In allen Handlungen des irdischen Jesus ist dieses wechselseitige »In-einander-Sein« von Vater und Sohn zur Wirkung gekommen. Die Sendung Jesu gilt entsprechend der Rettung der Welt, die er geliebt hat (3,16). Und die Menschen der Welt, die zum Glauben an ihn kommen, haben durch ihn teil am ewigen Leben in ihm. Für sie geht Jesus in den Tod, und er tut es in Vollendung seiner Sendung durch den Vater. Und die Heilswirkung seiner Selbsthingabe für sie ist es, dass sie nach Ostern teilhaben an seiner am Kreuz vollendeten Einheit und Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Aus dieser Teilhabe entsteht die Einheit der nachösterlichen Jüngergemeinde auf Erden, die entsprechend zum Wesen der Kirche gehört, wie die Einheit zwischen Vater und Sohn. Und wie die Sendung Jesu aus dieser Einheit hervorgeht und diese ihre Wirkkraft ist, so geht auch die Glauben weckende Wirkkraft des Zeugnisses der Kirche gegenüber der Welt aus ihrer Teilhabe an der Einheit zwischen Vater und Sohn hervor. Diese zeigt sich - und soll sich zeigen - an der Einheit der Kirche. Sie ist nach dem Hohepriesterlichen Gebet die wesenhafte Erscheinungsform der Kirche in der Welt. Und diese Einheit der Kirche als Ausdruck ihrer Einheit mit dem Vater und dem Sohn dient dem göttlichen Ziel der Sendung der Kirche, ihrer ‚Mission‘, nämlich dass die Welt glaubt. Diese Einheit der Kirche hat es aber zu keiner Zeit wirklich gegeben. Das Neue Testament und die nicht kanonische frühchristliche Literatur geben Zeugnis von den tiefgründigen Differenzen, die schon in der Urchristenheit bestanden. Die Vision des Hohepriesterlichen Gebets Jesu hat sich nicht erfüllt. Das ist ein Ärgernis, ein Skandalon. Hat die Einheit der Kirche gemäß dem Hohepriesterlichen Gebet den Zweck, dass die Welt glaubt, dann sind die Spaltungen der Kirche eine Ursache für den Unglauben. Die Spaltung der Christenheit bewirkt ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Seit dem 20. Jahrhundert versucht die ökumenische Bewegung, diese Spaltung zu überwinden. Die Verwirklichung sichtbarer Einheit der Kirchen ist ihr Hauptziel. Wenn „sichtbare Einheit“ auch unterschiedlich verstanden werden kann, setzt sie doch auf jeden Fall Beziehungen, Dialog und Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen und Kirchen voraus. Kirchen und andere ökumenische Partner beten, diskutieren, planen und handeln gemeinsam. Als Gemeinschaft von rund 350 anglikanischen, östlich- und orientalisch-orthodoxen, altkatholischen, protestantischen, unabhängigen und vereinigten Kirchen, hat der Ökumenische Rat der Kirchen die Aufgabe, diese Beziehungen zu pflegen. Hierin besteht ein wesentlicher Bestandteil seiner Berufung, die Kirchen und die ökumenische Bewegung in ihren Bemühungen um sichtbare Einheit zu unterstützen. Aber die ökumenische Bewegung steckt in einer Krise, sie droht zu erlahmen. Die Bewegungsspielräume der Konfessionen sind zu einem guten Teil ausgereizt. Man stößt an die Grenzen der Bewegungsfähigkeit. Vor allem die orthodoxen Kirchen signalisieren das sehr deutlich, und protestantische Kirchen reagieren ihrerseits gereizt auf diese traditionalistische Unbeweglichkeit. Auch die römisch-katholische Kirche, die nicht dem Ökumenischen Rat der Kirchen angehört, hat nach der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils inzwischen die Weichen auf Konsolidierung des Bestandes gelegt, ist deutlich dabei, ihr römisches Profil zu stärken, wofür die Wieder-Zulassung der Tridentinischen Messe durch Papst Benedikt XVI. ein hervorstechendes Indiz ist. Für die kommunikative Bemühung um Herstellung der Einheit ist seit der Tagung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order) 1971 im belgischen Löwen (Louvain) der Begriff „Konziliarität“ in Gebrauch gekommen. Dieser Begriff signalisiert als Ziel des Weges der Verständigung ein universales Konzil aller christlichen Kirchen und Gemeinschaften, in dem die sichtbare Einheit hergestellt werden soll in dem Sinne, den das hohepriesterliche Gebet Jesu im 17. Kapitel des Johannesevangeliums vorzeichnet. Konziliarität steht also für eine kommunikative Anstrengung um Veränderung der Standpunkte, für Beziehungen mit und unter den Mitgliedskirchen des ÖRK, aber auch mit Nicht-Mitgliedskirchen, weltweiten christlichen Gemeinschaften, konziliaren Einrichtungen und anderen ökumenischen Organisationen. Konziliarität bedeutet „Arbeit“ am Konsens, d.h. auch Arbeit an der Selbstveränderung, Bewegung, Aufbruch, Exodus. Konziliarität zielt auf ökumenische Initiativen auf regionaler, nationaler und lokaler Ebene und ganz allgemein auf Bemühungen, den Zusammenhalt und das Zusammenwachsen der einen ökumenischen Bewegung zu stärken. Aufgrund der Ermüdungserscheinungen des Ökumenismus angesichts der Erfahrungen von nicht zu überwindenden Grenzen der Verständigung und Annäherung hat sich mehr und mehr ein Minimalprogramm durchgesetzt, das als „Versöhnte Verschiedenheit“ firmiert. Man kennt sich, weiß um die Positionen und lässt sich gelten und in Ruhe. Dieses Konzept verzichtet im Grunde auf die Arbeit an der sichtbaren Einheit, wie sie im hohepriesterlichen Gebet Jesu vorgezeichnet ist. An die Stelle der Einheit tritt die Akzeptanz der Verschiedenheit, die so gut sein soll als die Einheit. Dies ist das Konzept, auf dem die wichtigen ökumenischen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte beruhen: der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie durch die bekenntnisverschiedenen evangelischen Kirchen Europas 1973, dem Meißener Abkommen zwischen der Anglikanischen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland 1988 und anderen Abkommen mit dieser wie dem Porvoo-Abkommen mit den skandinavischen lutherischen Kirchen 1993, dem von Reuilly 1999 mit den lutherischen und reformierten Kirchen Frankreichs und entsprechenden Abkommen in den USA und Kanada. Unsere Iglesia Evangelica Luterana del Ecuador hat als sechste lateinamerikanische Kirche und 106. überhaupt die Leuenberger Konkordie unterzeichnet und damit zum Ausdruck gebracht, dass die Lehrdifferenzen der unterzeichnenden Kirchen aus der Zeit ihrer Entstehung heute nicht mehr als kirchentrennend gelten können. Eine Vereinbarung mit der Diocis Central Ecuador der Iglesia Episkopal wird in Kürze unterzeichnet werden. So wird Kirchengemeinschaft hergestellt. Das ist nicht wenig - es ist sogar ein großartiger Fortschritt! Aber die Kircheneinheit, von der das Hohepriesterliche Gebet redet, ist damit nicht gewonnen. Auf dieser Linie liegt auch das Konzept einer „Ökumene der Profile“, das der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber beim Treffen mit dem Papst während des Weltjugendtages 2005 in Köln geprägt hat. Es gelte, die jeweiligen Stärken der unterschiedlichen Ausprägungen christlichen Glaubens, christlicher Frömmigkeit und christlichen Lebens zum Leuchten zu bringen. Der katholische Kardinal Karl Lehmann spricht von einem „differenzierten Konsens“. Für mein Empfinden sind das alles Umschreibungen der Resignation gegenüber der Aufgabe „damit sie alle eins seien“. Wir sind hier zusammen im Rahmen und zum Abschluss der „Ökumenischen Gebetswoche für die Einheit der Christen“. Wir haben weder für die versöhnte Verschiedenheit der christlichen Kirchen und Gemeinschaften noch für eine Ökumene der Profile, sondern für die Einheit gebetet. Das Hohepriesterliche Gebet Jesu ruft uns zum Glaubensgehorsam: „dass sie alle eins seien“ und nicht zu ermäßigten Zielsetzungen. Das gilt auch für die freundlichen und freundschaftlichen ökumenischen Kontakte und Beziehungen hier in Ecuador. Ohne Zweifel sind sowohl die versöhnte Verschiedenheit als auch die Ökumene der Profile vernünftige Etappen auf dem Weg zum unaufgebbaren Ziel der sichtbaren Einheit. Doch wird der konziliare Prozess, also der Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen blockiert durch die institutionellen Verfestigungen der Kirchen und Denominationen. Ich setze deshalb auf die Basis, die Christen und Gruppen und Gemeinschaften in allen möglichen Kirchen, Konfessionen, Denominationen und Gemeinschaften der Christenheit. Ich setze darauf, dass sie das hohepriesterliche Gebet Jesu beim Wort nehmen. Ich setze darauf, dass sie die Aufgabe, die darin steckt, ernster nehmen als das bisher geschehen ist. Und ich möchte, dass wir genau dafür beten. Ich weiß auch einen Weg, wie es geschehen kann, diese Aufgabe ernst und realistisch anzugehen. Ich gehe dabei aus von den Gleichnissen vom Samen und der wachsenden Saat und vom Senfkorn, Markus 4, 26-31 und Parallelen. Wir müssen die Einheit suchen und finden und begründen im Elementaren unseres christlichen Glaubens, nicht in seinen lehrhaften und institutionalisierten Ausprägungen und Verästelungen. Die Elementarisierung unseres christlichen Glaubens ist aus zwei Gründen eine unabdingbare Aufgabe. Die dem Glauben und der Kirche entfremdeten Menschen fragen: Was ist eigentlich die Essenz, das Wesen, der Kern eures Christenglaubens? Wenn wir darauf eine glaubwürdige Antwort haben, können sie begründet ja oder nein dazu sagen. Und die getrennten Glaubensgeschwister können sich auf dieser elementaren Ebene ebenfalls verständigen und zur Einheit finden. Die Verständigung über das Elementare unseres christlichen Glaubens ist angesichts der Lehr-Verschüttungen und institutionellen Verfestigungen von 2000 Jahren gewiss keine leichte Aufgabe. Aber es ist andererseits eine für uns selbst und für unsere Gemeinden enorm wichtige und verheißungsvolle Aufgabe, in einfach nachvollziehbaren Worten und Gedanken zu sagen, was unseren christlichen Glauben ausmacht, warum wir dazu stehen und warum wir bekennen, dass dieser Glaube „unser einziger Trost im Leben und im Sterben“ ist, wie es der Heidelberger Katechismus ausdrückt, dem die Reformiert-Presbyterianische und Kongregationalistische Kirchenfamilie verpflichtet ist. Ich will versuchen, dieses Elementare in einigen Thesen zu formulieren. Natürlich sind sie zu kurz und zusammenfassend, aber sie wären als Basis der Einheit nach meiner 1. Jesus ruft wie Johannes der Täufer zur Umkehr und Buße im Blick auf das verheißene und ersehnte Reich Gottes. Das war eigentlich als Wiederkehr des Großreichs Davids gedacht. Und der Messias / Christus sollte es bringen. Doch die Erwartung wurde radikal umgebogen. Jesus machte deutlich, dass nicht ein neues Großreich Israel das verheißene Reich Gottes ist, sondern ein Reich des Friedens, das aus unserem inneren Frieden geboren ist. 2. Der Ruf zur Umkehr und Buße zielt auf eine realistische, vertiefte Selbsterkenntnis. Die theologische Tradition behandelt das unter dem Stichwort „Erbsünde“. Was damit zusammenfassend gemeint ist, ist die anthropologische Einsicht in die Unausweichlichkeit des Verschuldens und Versagens. Wir sind in einem Verhängnis-Zusammenhang, dem wir nicht entrinnen können. Mit den besten Absichten produzieren wir Unheil –Paulus hat das im Römerbrief, Kapitel 7 unübertrefflich beschrieben. 3. Jesus eröffnet eine Perspektive, diesem Konglomerat von Tragik und Zerrüttung zu entkommen, indem er das Reich Gottes proklamiert, das nicht auf Macht und Gewalt 4. Jesus hat auf diese Überzeugung gebaut und ist damit scheinbar gescheitert (Karfreitag). Seine Jünger haben jedoch - angeleitet durch Texte der Hebräischen Bibel, des Alten Testaments -kapiert, dass dieses Scheitern umgedeutet auch als Sieg zu verstehen ist, nämlich als Umwertung aller Werte: Er ist höchst lebendig als geistige Realität der Verständigung und Versöhnung. So wächst das Reich Gottes. (Das bedeutet Ostern). 5. Die Einstimmung in diese massive und vitale Überzeugung der Jünger Jesu ist Glauben. Aus diesem Osterglauben erwächst eine geschwisterliche Gemeinschaft, ohne Profilierungsbedürfnisse und Konkurrenzneid. Eigentlich eine ideale Gesellschaft. Paulus bezeichnet das als „Leib Christi“. Liebe Freunde, wenn wir das nicht in Quito und Ecuador hinkriegen, kann man die Einheit der Christen weltweit vergessen. Die gemeinsame soziale und politische Verantwortung als kleinster gemeinsamer Nenner reicht nicht aus. Wir müssen organisch zusammenwachsen. Das ist, wie ich als Pfarrer unserer Kirche hier weiß, eine enorme Aufgabe, die große Geduld und viel Einfühlungsvermögen verlangt. Es ist natürlich eine viel größere Aufgabe im Blick auf die Kirche und Gemeinden in ganz Quito und gar in Ecuador. Aber es ist die Aufgabe, die uns das Hohepriesterliche Gebet Jesu stellt. Wie wollen wir also die Lösung dieser Aufgabe organisieren? Das ist die Frage, die ich euch auf die Seele binden möchte. Viele und gute Worte ersetzen nicht die Tat. Ich bitte euch im Namen Jesu Christi; Fangt unten an, elementar, und werdet Samen und Senfkorn für das Wachsen der Saat, „damit sie alle eins seien“.
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